THEORIA — Kurt von Fritz-Wissenschaftsprogramm

Bewilligte Anträge von Frau Prof. Dr. Amei Koll-Stobbe auf eine Forschergruppe mit Förderung durch ein Professoren-, 1 PostDoc- und 1 Promotionsstipendium:

  1. Die pragmatische Ressource der Kontextualisierungskompetenz von Sprachbenutzern
  2. Die Ressource der ludischen (Meta-)Funktion sprachlicher Interaktionen
  3. Die Fähigkeit zum metaphorischen und metonymischen Denken als semantische Ressource

Inhaltlich übergreifender Wissenschaftsbereich: Diskursive Sprachkontaktforschung

Kurzfassung und Konzeption des Projektes 

In der öffentlichen Wahrnehmung werden Sprachen meist als in sich gefügt und durch fokussierte Normen geregelt wahrgenommen, die sich nur langsam verändern. Tatsächlich wandeln sich Sprachen und Sprachgebrauchsmuster unter dem Eindruck der raschen ökonomischen, technischen und politischen Umwälzungen der Jetztzeit aber recht schnell. Rasante Veränderungen sind vor allem im Bereich des Lexikons gut dokumentier- und erforschbar. Dieses kann daher als mobiles transkulturelles Repertoire gelten (Blommaert, Pennycook). Phänomene, die dies verdeutlichen, sind u.a. Sprachtransfers - heute vor allem Anglizismen -, Ad hoc-Bildungen wie phraseale Komposita, aber auch generelle Tendenzen zur Informalisierung des Wortschatzes, die ebenso die schriftsprachlichen Domänen tangieren. Zudem werden durch die entstandene urbane Mehrsprachigkeit Sprachwahlen und teilweise auch die Sprachen selbst durch die Sprecher neu bewertet und als funktionale sowie symbolische Ressourcen zu direkten oder indirekten (denotativen und konnotativen) Informationssetzungen genutzt (Silverstein, Bourdieu, Barthes). All dies trägt zu einer hohen Dynamik bei, für die insbesondere Faktoren wie Sprachkontakte bzw. Verschiebungen im Verhältnis der Sprachen zueinander verantwortlich sind.

Faktisch nutzen urbane Sprecher heute somit oft verschiedene Kodes als Ressourcen, die weniger dem lange akzeptierten Konzept der Standardsprache folgend verwendet werden, sondern als offene, adaptive Kodes oder mobile Repertoires dienen und in Online-Prozessen der Bedeutungssetzung in neuer Weise kombiniert werden können (Halliday, Blommaert). Die Erfassung der so emergierenden sprachlichen Neuerungen in ihrer Verbindung zu den jeweiligen gesellschaftlichen Innovationen ist (nicht nur) für eine deskriptive Disziplin wie die Sprachwissenschaften eine immense Herausforderung. Ein Grund dafür liegt darin, dass die größtenteils aus dem Strukturalismus abgeleiteten Analysekategorien hierfür nicht ausreichen, sondern um prozessual-dynamische Kategorien wie das der Kontextualisierung (Gumperz) und Heteroglossie (Bakhtin) erweitert werden müssen.

Eine weitere Ursache für das „Hinterherhinken“ vieler linguistischer Modelle hinter der sich gerade heute schnell wandelnden Sprachrealität bildet aber auch die weit verbreitete Fokussierung auf Einzelforschungsprojekte. Die hier beantragte Forschergruppe verfolgt dagegen das Ziel, durch verschiedene, inhaltlich und methodisch miteinander verknüpfte Teilprojekte grundlegende Einsichten zu den Veränderungen von Sprache und Kommunikation in der Gegenwart zu gewinnen. Wie schon unter Punkt 3 dargelegt, versteht sich das Gesamtprojekt als ein Beitrag zur Grundlagenforschung und greift unter unterschiedlichen Fragestellungen das in den Sozial- und Kognitionswissenschaften verankerte Themenfeld der Sprachkontakte auf. Dieses ist gesellschaftlich hoch relevant, weil Mehrsprachigkeit und Sprach- wie Kulturtransferenzen von populistischen gesellschaftlichen Bewegungen oft emotional-wertend als Bedrohung nationaler (sprach-)kultureller Identitäten interpretiert werden, während dieses Bild der scheinbaren Homogenität die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Dekaden längst nicht mehr realistisch abbildet.