Geschichte des Englischen Instituts in Greifswald

Das Studium und die Erforschung der englischen Sprache, Literatur und Kultur(en) hat in Greifswald eine lange Tradition, die seit dem 18. Jahrhundert von wissenschaftlicher Neugier und dem Interesse an lebendiger Kulturvermittlung geprägt ist.

Kerndaten:

  • Mitte des 18. Jahrhunderts: Sprachmeister / Lektoren lehren die englische Sprache
  • 1853: Gründung Abteilung Neuere Sprachen
  • 1882: Umwandlung in Seminar für Neuere Philologien
  • 1886: erstmals unterrichtet ein Engländer als Lektor (George Herbert Clarke von der Universität Cambridge)
  • Wintersemester 1899/1900: Lektor Edmund Crosby Quiggin gibt zum ersten Mal eine Vorlesung über amerikanische Literatur
  • 1908: etatsmäßiges Ordinariat für englische Philologie
  • 1911: Gründung Englisches Seminar
  • 1948: Umzug in die Steinbeckerstraße 15
  • 1951: Umwandlung in Englisches Institut und Aufteilung in einen linguistischen und einen literarischen Zweig
  • vorr. 2018: Umzug in den neuen geisteswissenschaftlichen Campus Loefflerstraße

Geschichte von den Anfängen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts

Bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die englische Sprache von Sprachmeistern, später als Lektoren bezeichnet, gelehrt. Seit 1800 nahmen sich auch Professoren verschiedenster Fachrichtungen der Anglistik an, bis dann 1853 die Abteilung Neuere Sprachen und 1882 das Seminar für Neuere Philologien gegründet wurden. [...]

Zum Sommersemester 1881 wurde ein etatsmäßiges Extraordinariat und 1908 ein etatsmäßiges Ordinariat für englische Philologie ins Leben gerufen. Von dieser Zeit an erlebte die Anglistik in Greifswald eine rasche Aufwärtsentwicklung. Bevor sich 1882 das Seminar für Neuere Philologie gründete, beschränkten sich die anglistischen Veranstaltungen vornehmlich auf englische Sprachkurse. Als Grundlage für sprachliche Übungen dienten Einzelwerke der englischen Literatur. Eines der ersten Werke, das seit dem Sommersemester 1780 als Lektüre gelesen wurde, war Miltons Paradise Lost. Zusätzlich wurden regelmäßig Werke der englischen Literatur interpretiert, so wie Shakespeares Romeo and Juliet und Macaulays History of England.

1853 erhielt die neuere Philologie in der Abteilung für Neuere Sprachen eine bessere Grundlage. Lektor Dr. Bernhard Schmitz veranstaltete auch private Übungen im Schreiben und Sprechen des Englischen. Prof. Schmitz war der erste Greifswalder Neuphilologe, der sich in seinen Veranstaltungen dem Studium des älteren Englisch widmete.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts trat das Studium der neueren Sprachen und Literaturen in Greifswald immer mehr in den Vordergrund. Im Jahr 1882 wurde das Seminar für Neuere Philologie eingerichtet, das aus einer französischen und einer englischen Abteilung bestand. Erst seit der Gründung des Seminars für Neuere Philologie kann man von einem modernen Studium der Anglistik in Greifswald sprechen. Im Vordergrund der Studien standen historische Grammatik, altenglische Literaturgeschichte und alt- und mittelenglische Sprachübungen. Übersetzungen deutscher Texte ins Englische und englische Konversationsübungen vervollständigten die Ausbildung der Studierenden.

Im Jahr 1886 wurde erstmals ein Engländer mit einer Lehrtätigkeit am Institut beschäftigt. George Herbert Clarke vom Clare College in Cambridge erteilte Kurse für englische Sprachübungen sowie Veranstaltungen zur modernen englischen Literatur. Der amerikanischen Literatur widmete sich erstmals im Wintersemester 1899/1900, als der Lektor Edmund Crosby Quiggin eine Vorlesung über American Literature abhielt. Ab dem Jahr 1898 wurde regelmäßig eine Veranstaltung auf dem Gebiet der Englandkunde angeboten. Phonetische Übungen fanden ab dem Sommersemester 1902 statt.

Mit der Gründung des Englischen Seminars im Jahr 1911 wurde die Trennung von der romanistischen Abteilung endgültig durchgeführt. 1923 zog das Englische Seminar von der Domstraße in das Haus in der Wollweberstraße 4 und wurde 1930 schließlich in das Universitätshauptgebäude verlegt.

Vita Käthe Kluth

(*24.12.1899 in Stralsund; †31.05.1985 in Greifswald)

Die Anglistin bestand 1920 in Stralsund ihr Abitur und studierte anschließend an den Universitäten Rostock und Greifswald die Fächer Anglistik, Germanistik und Geschichte. Nachdem sie 1926 die Fachprüfung für das Lehramt an höheren Schulen und absolvierte das Referendariat in Stettin und Lauenburg i. Pom. Im Jahr 1927 erlangte Sie die Promotion zum Dr. phil. an der Univiersität Greifswald.

Käthe Kluth war die erste weibliche Professorin an der Universität Greifswald. Nach ihr ist heute das Käthe-Kluth-Stipendium der Ernst-Moritz-Arndt-Universität zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses benannt.

Durch den ersten Weltkrieg wurde die Entwicklung der Anglistik gehemmt; nur wenige Veranstaltungen wurden abgehalten. Der normale Vorlesungsbetrieb wurde erst 1920 wieder aufgenommen. In den folgenden Jahren verzeichnete das Institut einen erheblichen Anstieg der Studierendenzahl. Während 1928 über 100 Anglisten in Greifswald studierten, waren es im Sommersemester 1930 bereits 187 Studenten. Damit gehörte das Englische Seminar zu den am meisten besuchten philologischen Instituten der Universität Greifswald. Auch die Bibliothek erfuhr in dieser Zeit wesentliche Erweiterungen. Viele Bücher und vor allem Zeitschriften wurden in den Bestand aufgenommen.

1937 wurde der Arbeitskreis für Englandkunde (englandkundliches Archiv) ins Leben gerufen, dessen Ziele unter anderem die Pflege der deutsch-englischen Kulturbeziehungen [...] und die kulturpolitische Unterweisung der Studenten waren. Erneut verhinderte ein Krieg die Arbeit des Instituts, obgleich der Vorlesungsbetrieb aufrechterhalten werden konnte.

1951 wurde das Englische Seminar zum Englischen Institut umgebildet. In dieser Zeit wurde besonderen Wert auf die sprachliche Ausbildung der Studierenden gelegt. Hinzu kamen praktische Phonetik- und Intonationsübungen mit Schallplattenauswertungen. 1951 wurde die Spezialisierung der Anglistik in einen linguistischen und einen literarischen Zweig vollzogen. Die Dauer des Studiums wurde auf fünf Studienjahre erhöht.

Seit 1948 befindet sich der Sitz des Englischen Instituts in der Steinbeckerstraße 15. Dort steht den Studierenden eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung, deren ältestes Werk 1637 (George Sandys A Relation of a Journey begun An. Dom. 1610) erschienen ist. Am 9. Januar 1956 umfasste die Bibliothek des Englischen Instituts 10.564 Bände.

(Textquelle: Prof. Dr. Käthe Kluth, in: Festschrift zur 500 Jahrfeier der Universität Greifswald, 17.01.1956, Band 2)

Dieser Auszug aus dem Studienbuch von Sonja Funcke (geb. 1927) aus dem Sommersemester 1948 zeigt unter anderem Einträge von Prof. Dr. Käthe Kluth und dem zu seiner Zeit deutschlandweit bekannten Anglisten Prof. Dr. Martin Lehnert.
Studienbücher waren die papiernen "Vorläufer" des heutigen elektronischen Transcript of Records (Vergrößern durch Klick möglich).

Entwicklung des Instituts im 21. Jahrhundert

Auch den Übergang in das 21. Jahrhundert hat das Institut bewältigt. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde es in ein Institut für Anglistik/Amerikanistik umgewandelt, das mit drei Lehrstühlen für Englische und Nordamerikanische Literaturwissenschaft und Englische Sprachwissenschaft sowie mit einer Professur für Historische Englische Sprachwissenschaft und Mediävistik ausgestattet wurde. Als weitere Wissenschaftsbereiche wurden Landeskunde/Cultural Studies, Sprach- praxis und Fachdidaktik eingerichtet. An diesem Institut wurden fortan die Studiengänge Lehramt Englisch für Regionale Schule (vormals Haupt- und Realschule) und Gymnasiun und Magister Artium (M.A.) angeboten.

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts brachte einige Turbulenzen im Kontext der Umstrukturierungen an der Philosophischen Fakultät und der Modularisierung der universitären Studiengänge für das Institut mit sich, das die Umstellung vom Magisterstudiengang auf die konsekutiven Bachelor- und Masterstudiengänge zügig umsetzte. Die Lehramtsstudiengänge wurden 2012 modularisiert und gleichzeitig das Staatsexamen beibehalten.

Die Personalstruktur der Anglistik/Amerikanistik hat sich seit 2007 neu orientiert auf die beiden Kernkompetenzen Englische Sprachwissenschaft und Anglophone Literaturwissenschaften, ergänzt durch die Lehrbereiche Englische Sprachpraxis und Fachdidaktik Englisch.

Nach seiner langen, wechselvollen Geschichte wird die englische Sprache und Literatur auch weiterhin an der Universität Greifswald gelehrt in einer neuen Personalstruktur, mit neuen Lehr- und Forschungsschwerpunkten, die die Studienprogramme Bachelor, Master und Lehramt weiter abdecken werden.

 

(Text: Prof. Dr. Amei Koll-Stobbe)